Sysops

siehe auch:


Hier habe ich einen sehr schönen Text gefunden, der recht gut das Gefühlsleben von Sysops :) und die Technik der DFÜ-Anfänge beschreibt ....


Am anderen Ende des Drahtes
oder: Wie man Mailboxbetreiber wird und lernt damit zu leben.

Ein bizarrer Lichtstrahl faellt durch das halbblinde Fenster auf meinen Monitor und versperrt den Ausblick auf wichtige Daten. <Aha, es ist wieder Fruehling>, schiesst es durchs Hirn.
Muehsam reisse ich den Blick los von der zweidimensionalen Schlichtheit und wende ihn gartenwaerts. Langsam dringt Fruehlingswirklichkeit in mein Bewusstsein. Ein letztes Mal gleitet das Auge ueber die Reihe der Bildschirme, die im Licht der jungen Sonne zu verblassen drohen. Schon halb auf der Treppe und auf dem Weg in den nahen Park, durchzuckt mich die Frage: <Wie konnte das alles passieren?>

Meine erste Begegnung mit dem Computer hatte ich waehrend der Ausbildung zum Elektromechaniker. Der Personal Computer war knapp zwei Jahre alt und hatte seinen Siegeszug gerade erst begonnen, aber schon waren, zumindest fuer angehende Techniker, die Springfluten erkennbar, die er mit sichb ringen wuerde. Da die Ausbildungsverguetung, die ich damals erhielt, bei weitem nicht ausreichte, um mich in den Besitz der begehrten Geraete zu bringen, blieb es zunaechst bei einer platonischen Beziehung. Die sah so aus, dass ich staendig um Zeitschriftenhaendler lief, um die neuesten Fachzeitschriften zu erstehen und zu verschlingen.


Ein Jahr spaeter erfolgte dann der erste grosse Einbruch auf dem
Computermarkt: Sir Clive Sinclair brachte mit dem Z80 erstmals einen
Homecomputer auf den Markt, der fuer kleine Geldbeutel erschwinglich war. Fuer weniger als tausend Mark konnte man nun ein zigarrenschachtelgrosses Etwas erstehen, das bei der kleinsten Beruehrung die Arbeit von Stunden vergass und etwa soviel Speicherplatz hatte, wie heute benoetigt werden, um die ersten zwei Zeilen einer Grafik darzustellen. In der Tat war die Leistungsfaehigkeit dieser Maschine so begrenzt, dass einem gar nichts anderes uebrig blieb, als sich mit der Alchimistenkueche der maschinennahen Programmierung zu beschaeftigen, alles andere haette viel zu lange gedauert.

Die Werkzeuge, die dem Z80/81 Programmierer zur Verfuegung standen, waren der Rechner selbst, das bis heute unerreicht gute Handbuch sowie Rod Zak's <<Programming the Z80>>, alle Lektuere selbstverstaendlich in englischer Sprache, denn der deutsche Markt existierte noch nicht. Die Umsetzung in eine maschinenlesbare Form geschah im Kopf und auf Bergen von Papier, denn es gab keine Programme, die diese Arbeit uebernehmen konnten. Der Prozessorbefehl wurde an Hand der Zeichentabelle im Handbuch verschluesselt und das zugehoerige Zeichen virtuos auf der fuenffach belegten Tastatur in den Rechner gehackt. Ich hatte eigentlich nie wieder so unmittelbare
Erfolgserlebnisse wie damals, wenn sich nach fuenf Stunden intensivster Arbeit herausstellte, dass man tatsaechlich schnell bewegte Bilder mit dieser oft als Digital-Tuerstopper verrissenen Maschine erzeugen konnte.
Gewiss, die grafische Darstellung war nicht besser als das legendaere
TV-Tennis, das den Ruhm der Videogames begruendete, aber erschwingliche Alternativen gab es nicht.

Der naechste Meilenstein war der Commodore VC20. Diesen Rechner wuerdigte ich dadurch, da ich ihn nicht kaufte, denn es war klar, dass da mehr sein musste als ein farbiger Z81, bei dem jede Erweiterung einen Monatslohn kostete. Und richtig, wenig spaeter erschien der Commodore 64 auf der Bildflaeche, ein vielfarbiger Speicherriese mit vollem 64 KB Speicher und der Moeglichkeit, einfach Zusatzgeraete wie Floppy-Laufwerke und Drucker anzuschliessen. 1400 DM kostete der Commodore 64 damals, unerhoert preiswert, wenn man die neuen Moeglichkeiten mit dem Marktstandard verglich. Im Gegensatz zu anderen Maschinen, die vielleicht mehr freien Speicher hatten oder schneller waren, hatte der C64 den Vorteil, eine Wirklich offene Maschine zu sein, die sich mit vergleichsweise geringem Aufwand auch der Dinge nutzen liess, an die wohl nicht einmal der Hersteller gedacht hat. Dies zeigt sich auch daran, dass dieser Rechner nunmehr im sechsten Jahr steht und millionenfache Verbreitung gefunden hat.
Das Angebot an Programmen ist schier unuebersehbar geworden, wenngleich auch der Schwerpunkt bei den Computerspielen anzusiedeln ist, weniger bei Gebrauchssoftware.
Das Interesse am C64 hielt zwei Jahre und flachte dann ab. Irgendwie war es unbefriedigend, immer wieder irgendwelche Spiele zu spielen oder sich mit einem unzulaenglichen Textprogramm herumzuaergern. Die unvermeidliche Erkenntnis, dass man seine private Adressenliste doch besser mittels eines Notizbuches fuehrte, statt mit dem Computer, der erschreckend unrationell war, wenn man drei Minuten auf eine Ausgabe warten musste, die man auch binnen Sekunden haette nachschlagen koennen, toetet jede Euphorie. Die Tage, an denen die Kiste ausgeschaltet blieb, mehrten sich, und im Fruehjahr 1984 war alles zum Stillstand gekommen. Die Situation war aehnlich wie bei einer vom Bankrott bedrohten Firma: Mit dem vorhandenen Material war nichts mehr anzufangen, trotzdem stellte es einen Wert dar, der zu nutzen war. Logische Konsequenz: entweder weiter investieren oder alles als Verlust abschreiben. Da traf es sich gut, dass die Post nach langem Hin und Her endlich die Erlaubnis erteilt hatte, Geraete zur nichtoeffentlichen bewegten Datenbertragung zu benutzen, die sogenannten Akustikkoppler, die zu Preisen um 1000 DM den Einstieg ins Weltdatennetz anboten.
Epson CX21 hiess der Schluessel zum globalen Dorf, und war ein
unscheinbares, kantiges etwas, das sich standhaft weigerte, etwas anderes als den Hoerer einer grauen Maus, wie der Fernsprechtischapparat 612 gern genannt wird, zu akzeptieren. Dieses Geraet setzte die Zeichen, die der Computer von sich gab, in hoerbare Toene um und konnte entsprechende Toene eines anderen Computers wieder in ein maschinenkonformes Format umsetzen.
Die Faszination dieser eher profanen Maschine lag darin, dass es ploetzlich gleichgltig war, welchen Computer man benutzte, ob am anderen Ende des Drahtes ein Homecomputer oder ein Grossrechner stand und wo dieser fremde Rechner stand. Japan, Amerika, Afrika - das alles schrumpfte zu mehr oder weniger langen Vorwahlen und im heimischen Wohnzimmer gaben sich Leute ein Stelldichein im gruenen Schimmer ihrer Monitore, ohne sich jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben. Selbst bei der besten interkontinentalen Sprechverbindung ist man sich immer der Entfernung zum Gespraechspartner bewusst, so typisch sind die Laufzeiten der Signale, das Rauschen transatlantischer Tiefseekabel und das Echo ferner Satelliten - Beim Gespraech via Tastatur zu Tastatur entfallen diese Merkmale, es gibt keine Hinweise mehr auf die Entfernung zwischen den Stationen, und Meldungen wie <Connection 80, Capetown> sind blosse Zeichen auf dem Schirm ohne weitere Bedeutung. Die Sprache der Computer ist Englisch, und das ist auch die Sprache, die man ueberall im globalen Dorf versteht. Um so groesser ist dann die Ueberraschung, wenn man feststellt, dass der Gespraechspartner, den man im fernen Japan waehnt, nur ein paar Strassen weiter in Hamburg wohnt und sich nur zufaellig auf den gleichen Rechner in Uebersee eingewaehlt hat.

Meist ist es die Post, die mit ihrer Fernmelderechnung den Sinn fuer Realitaeten wieder geraderueckt. Nach etlichen tausend Gespraechseinheiten tritt die Ernuechterung ein, und man beginnt, sich Gedanken ueber andere Nutzungsmoeglichkeiten zu machen. Bleibe im Lande und naehre dich redlich, so lautet die Devise, und internationale Kontakte schrumpfen auf das unvermeidliche Mindestmass. Nun gab es damals in Deutschland nur eine Handvoll von Systemen, die man per Telefon erreichen konnte, und in Hamburg gar nur zwei, naemlich den Rechner der Universitaet, der hofnungslos ueberlastet war und mehr als subversive Muellhalde diente, denn als Kommunikationssystem, sowie MCS. MCS heisst Master Control System. Das ist eine schlichte Uebertreibung, denn hinter dem klangvollen Kuerzel verbarg sich ebenfalls ein C64, und ein chaotisches Basicprogramm sorgte dafuer, dass alles moeglichst absturzfrei funktionierte. Zu einer Zeit, als Datenfernuebertragung fuer die meisten Benutzer noch reiner Selbstzweck war, bot MCS die Moeglichkeit, einem der anderen hundert oder zweihundert Benutzer eine Nachricht zukommen zu lassen, oder aber seine Erguesse an einem elektronischen schwarzen Brett auf die Allgemeinheit loszulassen.
<<Warum schreibt mir den keiner ,ne PME?>> und <<Kilroy was here>> waren typische Nachrichten in diesen Tagen, nur hin und wieder von inhaltlichen Beitraegen unterbrochen. Aber, und nur das ist letztlich wichtig, MCS war eine der ersten Mailboxen, die es ermoeglichte, sich unabhaengig von den bestehenden Netzen zu machen, eine eigene DF-Subkultur zu entwickeln. Ich nutzte diese Moeglichkeit taeglich, wann immer es ging.
Irgendwie kam ich im Herbst 1984 zu einem zweiten Rechner, ebenfalls einem C64. Er stand zunaechst nur herum und huellte sich in Staub und
Nutzlosigkeit. Das Schicksal wollte es, dass mein Interesse an MCS auch wieder erlahmte, einfach weil es zu wenig Inhaltliches gab, das meine Neugier weckte oder meine Phantasie anregte, und weil beinahe taeglich neue Dinge ins Programm kamen, die man sich merken musste, wollte man dabeibleiben. Hinzu kam die staendig wachsende Zahl der Benutzer, die es sehr oft unmoeglich machte, zu vernuenftigen Zeiten in die Mailbox zu kommen, was einem gestandenen Hacker zwar nichts ausmacht, aber doch laestig ist, wenn man morgens um sechs aufstehen und arbeiten muss. Andere Benutzer hatten das auch erkannt, und der grosse Mailboxboom in Hamburg begann. Denn die Folge der Unzufriedenheit war, es besser zu machen. Ich besorgte mir also das Programm der MCS-Mailbox, bastelte eine Apparatur, die den Telefonapparat bediente, und machte meine eigene Mailbox auf.


Da ich auf zwei Computer zugreifen konnte, war eine der idealen Startbedingungen fuer die eigene Mailbox. Im Gegensatz zu den meisten
anderen Betreibern, die ihren einzigen Computer zweckentfremdeten, war ich in der Lage, die Dienste der Mailbox von Anfang an rund um die Uhr anzubieten, wenn man von kleinen Pausen zwecks Eigennutzung des einzigen Telefonanschlusses mal absieht.
In den ersten drei Monaten lief nur ein inoffizieller Probebetrieb. Die Rufnummer war nur guten Freunden bekannt, die das Programm auf Herz und Nieren testen sollten. Grosse Fehler waren nicht zu erwarten, so dachte ich, da das Programm ja schon mehrfach von anderen Betreibern eingesetzt wurde. Das dies ein Irrtum war, stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus, als ein versteckter Fehler nach dem anderen zutage trat. Mir wurde klar, dass kein Programm fehlerfrei ist und dass die Wahrscheinlichkeit, schwerwiegende Fehler vor ihrem Auftreten zu entdecken, umgekehrt proportional zu dem Schaden ist, den sie anrichten. Wohl in keinem anderen Bereich werden einem Murphy's Gesetze so deutlich bewusst wie beim Umgang mit dem Computer.
Schliesslich musste auch noch ein sinnreicher Name gefunden werden, der sich einpraegsam abkuerzen liess, genau wie MCS, RAM und wie sie alle heissen. Da ich wenige Jahre zuvor bei einer Rockgruppe namens Goblin mitgemischt und diesen Namen spaeter als Pseudomyn fuer meine Datenreisen benutzt hatte, lag es nahe, auch fuer die Mailbox einen Namen aus diesem Bereich zu waehlen. Nach drei Flaschen Bier und wehmtigem Hineinhorchen in alte Aufnahmen der Band war es dann sonnenklar; CLINCH sollte das Projekt heissen, ein Kuerzel, das eine gewisse Eigendynamik entwickelt und Assoziationen weckt. Nur - fuer was um alles in der Welt ist das eine Abkuerzung? Etliche Biere spaeter hatte ich dann endlich einen Anglizismus ausgebruetet, der sich passend abkuerzen liess - Communication Link - Information Network Computer Hamburg. Ein hochtrabender Name, der keinesfalls mit der Realitaet uebereinstimmte, die in Gestalt eines C64 vor sich hin duempelte.
Nun, die Netze entstehen in den Koepfen, und eines Tages wagte ich den grossen Schritt: Die Rufnummer der Box wurde auffaellig unauffaelig in einer anderen Hamburger Mailbox plaziert, und ich wartete gespannt auf das, was kommen sollte. Die Stunden verrannen, und nichts geschah. Nicht ein Anrufer verirrte sich in meinen Computer. Verzweiflung machte sich breit.
Spaeter begann es zu daemmern. Ich warf die Lacklederkutte ueber und ging zur nahen Telefonzelle. Der Kontrollanruf bei mir selbst ergab, dass offenkundig doch jemand angerufen hatte, natuerlich just in dem Moment, als ich auf dem Weg zur Zelle war. Also flugs zurueck in die heimische Wohnung, drei Stufen aufeinmal nehmend, die Tuere aufgeschlossen, ein Blick auf den Monitor und - Ratlosigkeit. Der Rechner wartete nach wie vor stoisch auf den ersten Anrufer.
Eine genaue Analyse ergab, dass ein Fehler in der ausgefeilten Abhebemechanik vorlag, die ich ersonnen hatte, um mich nicht voellig ins Gesetzesabseits des illegalen Modemeinsatzes zu begeben. Mein kleiner Roboterarm, der die Telefongabel niederdruecken sollte, wenn der Rechner es ihm befahl, hatte offenbar nicht genuegend Kraft, um das Telefon sicher aufzulegen. Eine kleine technische Aenderung wurde vorgenommen, und er funktionierte zufriedenstellend.

Nach Beseitigung der Stoerung kam der erste Anruf. Gespannt verfolgte ich die Schritte, die der Anrufer in der Box unternahm. Offensichtlich war er schon an Mailboxen gewoehnt, die nach dem MCS-System arbeiteten, denn er hatte kaum Probleme, sich zurecht zu finden. Selbst die Abweichungen, die ich mir erlaubt hatte, um die schwindende Befehlslogik des Programmes aufrechtzuerhalten, machten ihm nichts aus. Nach etlichen Minuten verabschiedete er sich mit dem Kommentar: <<Hier steht ja noch gar nichts drin...>>
Mir wurde klar, dass es nicht ausreicht, einen Rechner uebrig zu haben und darauf ein halbwegs funktionierendes Mailboxprogramm laufen zu lassen. Man muss sich auch darum kuemmern, was in der Mailbox passiert.
Ich ueberlegte mir also, was ich denn in meiner Box anders machen wollte als die anderen Betreiber. Leider erlaubte mir das Grundkonzept des von mir verwendeten Programms nicht, die mir vorschwebenden Aenderungen durchzufuehren. Hinzu kam, dass die Art, wie das Programm erstellt worden war, nicht gerade dazu animierte, eigene Aenderungen und Verbesserungen durchzufuehren. Noch heute straeuben sich mir die Haare, wenn ich auf ein Programm stosse, das mit dem Aufruf eines Unterprogramms beginnt, ohne dass dessen Notwendigkeit ersichtlich wird.
Ich begann also, mich nach anderen Programmen umzusehen, und pruefte ihre Vor- und Nachteile.
Aus dem Sammelsurium der verschiedenen Programme entstand schliesslich mein erstes selbstgeschriebenes Mailboxprogramm, das meiner Meinung nach die Vorteile der verschiedensten Mailboxkonzepte vereinigte, ohne ihre Nachteile zu haben. Die Benutzer waren zunaechst anderer Meinung, so gravierend waren die Abweichungen in der Bedienung von dem, was in der Mailboxszene als Standard galt. Einige dieser Abweichungen waren technisch bedingt, da ich nicht einsehen konnte, warum ich wertvollen Speicherplatz fuer Suchroutinen verschwenden sollte; konnte sich doch jeder Benutzer die Position seiner Daten selbst merken und diese dem System beim Anruf nennen.

Auch wollte ich dem Benutzer mehr bieten als einen stupiden Befehl, der ohne Beruecksichtigung der Nutzerinteresscn die vorhandenen Nachrichten in einem Stueck abspulte. Also hatte mein Programm bereits eine Brettstruktur, die es gestattete, beliebigen Einfluss auf die Ausgabe der Texte zu nehmen. Im Laufe der Zeit wurde das neue System schliesslich akzeptiert, und es gab sogar etliche andere Mailboxen, die das Programm uebernahmen. Fuer mich wurde es langsam Zeit, mal wieder etwas Neues zu machen.
Ein Jahr nachdem CLINCH ans Netz gegangen war, hatte sich die Computerwelt grndlich veraendert. IBM-Personal-Computer waren zum Industriestandard geworden und fanden, dank sinkender Preise und qualitativ hochwertiger Nachbauten aus Fernost, auch Verbreitung bei Privatleuten. Der erste PC kostete mich noch knapp 8000 DM, rund dreimal soviel, wie ich bisher in Computer ueberhaupt investiert hatte. Dafuer gelangte ich endlich in den Besitz eines Geraets, dem von der Post die Absolution in Gestalt der Zulassung fuer Datenfernuebertragung erteilt worden war. Wenige Tage nach dem Erwerb des Geraets lagen meine Antraege fuer Fernsprechmodems und einen Datex-Hauptanschluss an die Post im Briefkasten. Die Beschreibung des
postmodernen Melodramas, das der Antragstellung folgte, bis schliesslich ein halbes Jahr spaeter alle Antraege ausgefuehrt waren, moechte ich mir an dieser Stelle ersparen.
War es mir beim ZX80 und beim Commodore 64 noch moeglich, viel Zeit zu investieren, um auch intimste Details dieser Maschinen zu erforschen, so ging dies beim PC nicht mehr, schliesslich hatte ich ja nicht diese Riesensumme aufgebracht, um ein oder zwei Stunden am Tag durch das Labyrinth eines neuen Betriebssystems zu wandern. Der Computer sollte den C64 als Mailbox ersetzen und neue Moeglichkeiten fuer das neue Medium erschliessen. Ich brach also meinen Schwur, nie wieder ein nicht von mir selbst geschriebenes Mailboxprogramm zu verwenden, besorgre mir die noetige Software, baute meinen Abhebemechanismus auf die Notwendigkeiten des neuen Rechners um und begann noch einmal von null, mit nichts als dem mittlerweile recht guten Namen CLINCH.
Zwei Probleme standen im Vordergrund: Zum einen musste ein weiterer PC her, damit die noetige Softwareentwicklung unabhaengig vom Betrieb der
Mailbox erfolgen konnte. Zum anderen wuerden die Postmodems und der Datex-Hauptanschluss, wenn sie denn eines schoenen Tages mal kommen sollten, Fernmeldegebuehren von monatlich rund 500 DM verursachen, die finanziert werden mussten. Ich entwickelte ein Konzept, das - im Gegensatz zu den bisher ueblichen Verfahren - daraufberuht, dass der Mailboxbenutzer einen festen Monatsbeitrag zahlt und somit hilft, die Kosten fuer den Mailboxbetrieb zu tragen.
Bisher habe ich eigentlich nur davon berichtet, wie es mir beim Umgang mit dem Werkzeug Computer und den Streifzgen durchs globale Dorf gegangen ist. Mittlerweile habe ich mein eigenes Gasthaus in diesem Dorf gebaut, und so muss auch die Rede von den Gaesten sein, die dieses Haus bevoelkern.

Der Menschenschlag, dem man im globalen Dorf begegnet, ist gebrandmarkt mit dem Stempel <User>. Das laesst sich ausnahmsweise sehr treffend mit <Benutzer> ins Deutsche uebersetzen, ein <User> ist halt jemand, der einen Computer benutzt. Dabei wird dieses Praedikat voellig vorurteilsfrei verliehen, ohne Ansicht der Person, des Alters, des Geschlechts oder der politischen Weltanschauung. Der einzige Grund, weswegen man manchmal schief angesehen werden kann, ist der Besitz des falschen Computers. Aber selbst dieses Diskriminierungsmerkmal verliert zunehmend an Bedeutung, je laenger man im Dorf lebt. Die Zeit der Familienfehden, als Atari gegen Commodore kaempfte, ist mit dem Aussterben der Prozessorpatriarchen zu Ende gegangen, und eintraechtig hocken die ehemals verfeinderen Sippen zusammen und brueten ueber einem gemeinsamen Betriebssystem.

Natuerlich gibt es User, die schon seit Urzeiten dabei sind, und solche, die gerade ihre ersten tapsigen Schritte unternehmen. Fuer den Mailboxbetreiber sind beide Gruppen interessant, denn nichts ist unterhaltsamer, als einem alten Hasen zuzuschauen, wie er mit viel Elan all die Befehle eingibt, die er woanders im Schlaf beherrscht, die hier aber unweigerlich ins Leere fuehren. Nichts ist schlimmer, als immer wieder von der Mailbox daraufhingewiesen zu werden, dass der eingegebende Befehl nicht erkannt werden konnte und dass die Eingabe des Wortes <Hilfe> weiter fuehren wuerde. So etwas ist grundsaetzlich unter der Wuerde eines geuebten Netzflaneurs. Allenfalls ist er bereit, gelegentlich mal ein <Help> einzustreuen, worauf ihm wiederum beschieden wird, dass es einen solchen Befehl nicht gibt und er doch bitte deutsch reden moege. An dieser Stelle scheiden sich gewoehnlich die Geister, manche Anrufer legen genervt auf.


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